Crowdworking: nichts als Illusion?

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Durch.Denken

Erfolgreich als Designer durch Crowdworking? Ein Hype? Ein Versprechen für mehr Flexibilität, Freiheit, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit? Möglichkeiten für Kosteneinsparung einerseits und Honorarmaximierung andererseits? Eine neue Ökonomie der Erwerbstätigkeit? Eine veränderte Machtbalance ohne Schutz und Sicherheiten? Fragen, die immer mehr Berufe und Branchen betreffen – zunehmend auch die Designer und die Designwirtschaft, insbesondere in Hinblick auf ein kurzfristiges vs. langfristiges Denken!

DIE ZEIT greift das Thema in einem Artikel (21.04.2016) auf. „Die neuen Heimwerker“ mit dem Untertitel: „Nun zerlegen auch Großunternehmen Arbeiten in kleine Projekte und vergeben sie an Freie – Crowdworking nennt sich das“. Bloß: Was wird aus den Arbeit- und Auftragnehmern? Anhand einiger Beispiele aus der Praxis wird beschrieben, wie sich aus der ursprünglichen und bisher gesamtwirtschaftlich unbedeutenden Nische mittlerweile so etwas wie eine neue Ökonomie entwickelt hat. Die Crowdworker sollen nichtmehr nur simple Aufgaben abarbeiten, sondern Häuser planen, neue Produkte und Software entwickeln, Verpackungen entwerfen, Marktforschung betreiben, Werbekampagnen gestalten und Texte schreiben – und das auch im Auftrag großer Konzerne.

Das Beispiel einer Designerin zeigt, dass sie über eine Plattform zwar an Aufträge herangekommen ist, die sie niemals direkt von diesen Firmen erhalten hätte. Allerdings, von dem, was sie bei diesen Projekten verdient hat, kann sie nicht leben. Der Artikel aus DIE ZEIT fasst zusammen, mit welcher rasanten Entwicklung wir hier konfrontiert sind. Es wird deutlich, dass sich die Spannung vom digitalen Hype bis hin zu einer veränderten Machtbalance bewegt.

Was ist Crowdworking (Massenarbeit)?

Crowdworking ist eine Form des Crowdsourcing, welches begrifflich an Outsourcing angelehnt ist. Hier werden traditionell interne Teilaufgaben an eine Gruppe freiwilliger User ausgelagert und an eine quasi unbekannte Masse vergeben. Beim Crowdworking werden Arbeitsaufträge im Internet angeboten und vollständig darüber abgewickelt. Jede Arbeit, die mittels Computer erledigt werden kann, ist hier möglich, man braucht nur eine Website, auf der Auftraggeber und Crowdworker zusammengebracht werden.

Wie funktioniert die unbekannte Massenarbeit?

Online-Plattformen vermitteln Aufträge von Unternehmen an Internetuser, die diese bearbeiten können, ohne an einen festen Ort gebunden zu sein. In der Regel werden dort kleinteilige Aufgaben für wenig Geld erledigt, etwa Adressen finden, Bilder sortieren, Daten abgleichen, Software testen oder kurze Texte erstellen. Immer mehr Unternehmen nutzen immer häufiger diese Plattformen, um weltweit begabte und billige Fachkräfte extern zu beauftragen – Designer, Programmierer oder Texter.

Für die Crowdworker lohnen sich die überwiegend einzelnen und gering qualifizierten Aufträge kaum. Bei der Bearbeitung vieler Aufträge in kurzer Zeit lassen sich eventuell ein paar Euro pro Stunde verdienen, was vielleicht für einen kleinen Nebenverdienst reichen kann. Wenn daraus allerdings eine hauptberufliche Tätigkeit wird, bleibt nach Abzug der eigenen Kosten oft nur ein Dumping-Lohn.

Illusion: Professionalität?

Was bei Auftraggebern und Designern, die sich der Crowdworking-Plattformen bedienen, gleichermaßen besonders auffällt, ist, dass sie oft keine Designprofis sind, sondern eher Dilettanten im Design, die sich anmaßen, Entwürfe qualitativ zu beurteilen bzw. gute Entwürfe zu machen. Dies steht im krassen Gegensatz zu den Plattform-Betreibern, die ausgebuffte Profis sind, ihr Geschäft verstehen und in ihrem Sinne weiterentwickeln.

Das selbst namhafte Institutionen und Unternehmen als Auftraggeber diese Art der Massenarbeit nutzen, ist noch lange kein Beweis für Kompetenz im Umgang mit Crowdworkern – sonst müsste diesen eigentlich schon längst aufgefallen sein, welche Risiken sie hier eingehen. Dass die Crowdworker-Zahlen in die zigtausende gehen, resultiert auch aus dem sehr hohen Anteil an gering oder gar nicht qualifizierten (nichtberuflichen) Designern.

Das Qualitätsversprechen der Anbieter von Crowdsourcing-Plattformen wird jedenfalls nicht erfüllt. Wie wollen die Anbieter bei zigtausend registrierten Teilnehmern eine Qualitätskontrolle durchführen und gewährleisten? Und woher nehmen die Anbieter die Qualifikation dazu? Eben gar nicht! Dies ist für sie vor allem ein lukratives Businessmodelle und in erster Linie auf qualitätsfreien Profit ausgerichtet.

Wichtig scheint mir vor allem zu sein, dass man nicht der Illusion unterliegt, Crowdworking sei die wundervolle Verheißung von unendlicher Flexibilität, Freiheit, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Es kann in Teilen dazu beitragen, muss es aber nicht.

Alternativlosigkei?

Übrigens, angebliche und vermutete Alternativlosigkeit ist kein hinreichender Grund, sich einer Entwicklung widerstandslos zu unterwerfen. Designer sollten bedenken, dass die Anbieter der Crowdsourcing-Plattformen damit nur so lange Profit generieren können, dass die Auftraggeber, die über diese Plattformen Crowdworker für sich arbeiten lassen, dies nur so lange  tun können – solange die Designer das Spiel mitspielen. Wer sich auf Crowdworking einlässt, der verstärkt den Konkurrenzkampf und das daraus resultierende Honorar-/Lohn-Dumping zieht das Niveau in der Branche insgesamt nach unten.

Artikel in Langversion: „Crowdworking – Eine Kritik der illusionären Wertschätzung und Wirkungsrelevanz“.

 

 

 

 

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